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Uwe Kersten - Trainer des Jahres 2005

Bericht und Interview von Axel Dohms

Es ist schon eine Weile her, dass bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Willingen in diesem Frühjahr Uwe Kersten (Kassel) als Nachfolger von Thomas Paehtz und Bernd Rosen der Preis "Trainer des Jahres" zugesprochen wurde. Für einen Zeitraum, der noch weiter zurückliegt, nämlich das Jahr 2005 . Kein Grund, ihm nicht nachträglich zu gratulieren und ein paar Fragen zu stellen. In einem Café der Kasseler Innenstadt schnacken wird über dies und jenes.

Kurzbiographie:
- Jahrgang 68
- Verheiratet, 1 Kind
- Nach Zivildienst nicht beendetes Lehramtsstudium / Grundschule ("ich bereue es nicht, hätte allerdings den Entschluss früher fassen sollen")
- Mit 14 Jahren ("relativ spät") zum Schach gekommen, in den Traditionsverein Kasseler Schachclub 1876 für den er am 1. Brett der 1. Mannschaft spielt
- Vier mal Hessen-Meister (1993, 1996, 1998, 2001)
- FIDE-Meister seit 1993, 2 IM-Normen, Beste ELO 2400 im Jahr 1996
- A-Trainer seit 2004

Axel Dohms: "Hallo, Herr Kersten. Wann haben Sie von der Ehrung erfahren?"
Uwe Kersten: "Als ich geehrt wurde, in Willingen."

Hat sie die Auszeichnung gefreut?
Ja, sehr.

Wie lautete die Begründung?
In der Ansprache war die Rede davon, dass ich noch hätte warten müssen und andere vor mir dran wären, ginge es nur um Erfolge. In meinem Fall zählte wohl die Vielfalt und Intensität der Aktivitäten.

Ja, Ermessensspielraum und Kriterien sind ein weites Feld...
Ja, deshalb freut es mich zwar, aber ich bleibe auf dem Teppich und will die Sache nicht überbewerten.

Seien Sie dennoch, bitte, so freundlich, Ihre Tätigkeiten zu umschreiben.
Ich bin seit 2000 Mitarbeiter des "Jugendschach" als Nachfolger von Holger Borchers. Eher nebenher. Seitdem bin ich auch als Betreuer einmal pro Jahr bei Welt- und Europameisterschaften dabei. In demselben Jahr wurde ich Landestrainer von Hessen.

Wo wird trainiert?
Wir treffen uns viermal jährlich in verschiedenen Jugendherbergen zu Lehrgängen und beteiligen uns an zwei Turnieren in der näheren Umgebung: Bad Zwesten und Baunatal.

Ist das alles? Gehen Sie auch in Schulen?
Nein, ich habe lediglich auf Bitten hin zwei oder drei Simultanveranstaltungen gegeben.

Sonst noch was?
Ich führe im dritten Jahr eine kleine Schachakademie in Kassel.

Ach, schon wieder eine Akademie. Die wachsen wie Champignons in Deutschland.
Na ja, ich habe über den Namen lange nachgedacht; Schule wirkt nicht sonderlich zündend auf Jugendliche, seriöser schien mir Akademie, eine große Namenswahl hat man nicht.

Und wie wird die angenommen?
Ich bin eigentlich zufrieden.

Was heißt das auf die Zahl bezogen?
Ich habe einen Stamm von 10 – 12 Jugendlichen im Alter von 8 – 18 Jahren. Nicht alle zusammen, sondern nach Leistung sortiert.

Gibt es Schüler, die von Anfang an dabei sind?
Ja.

Und zu welchem Preis machen sie denen ein Angebot?
Das hängt von Art und Umfang des Trainings ab. Ich kalkuliere so, dass für mich 30,- € / Stunde herausspringen. Bei den Gruppen zahlen die Älteren 100,- € monatlich. Und bekommen dafür 16 Trainingsstunden plus Unterstützung per Internet. Alle 14 Tage treffen wir uns samstags zum Blockunterricht von 10 bis 18 Uhr. Anschließend wird in der Regel noch ein 5-Runden-Turnier à 15 Minuten gespielt. Vor 21 Uhr ist selten Schluss.

Wo?
Ich habe das große Glück, im Bürgerhaus, da, wo mein Verein auch spielt, Räumlichkeiten nutzen zu können.

Da entfallen wohl die leidigen Nebenkosten wie Miete usw.?
Richtig.

Ihr bekanntester Zögling?
Ich durfte bei der Europameisterschaft 2000 in Chalkidike (Griechenland) Arik Braun betreuen, der damals Zweiter wurde.

Haben wir etwas vergessen?
Na ja, in einem Wort: Ich bin Leistungssportreferent des Hessischen Schachverbandes. Auch ab 2000.

Herr Kersten, wie wird man überhaupt Trainer?
Ich kann mich noch gut daran erinnern: eine Anzeige in der Rochade. Der Schachverein Bad Hersfeld suchte einen Trainer. Als Student wollte ich etwas dazuverdienen.

Ist das nicht ein bisschen weit weg?
Nicht so schrecklich. 60 km. Es gab einen Mitbewerber, ich wurde genommen. Ich habe das ein Jahr gemacht. Als der Verein sich danach zurückzog, habe ich das größte Talent, Florian Grafl, ca. zehn Jahre lang, ich glaube ab 1993, trainiert. Bei seinen Eltern in der Nähe von Bad Hersfeld. Jede Woche mit dem Auto einmal hin und zurück.

Das ist also im eigentlichen Sinn Ihr bekanntester Eleve bisher.
Ja doch, Florian ist der selbstbestimmte, selbstbewusste Traumschüler eines jeden Trainers. Heute weiter als ich. Wir hatten eine Wette abgeschlossen, wer zuerst IM wird. Die habe ich verloren.

War das die Zeit, wo Ihr Trainerwunsch heranreifte?
Ich denke ja. Ich habe gemerkt, dass ich es mir Spaß macht. Die Angelegenheit hat sich herumgesprochen und peu à peu entwickelt. Geholfen hat mir sicherlich dabei mein guter Ruf als Schachspieler. Ordentliche Spielstärke und dieser Paradeschüler: Die Leute haben meiner Kompetenz geglaubt.

Hatte das praktische Auswirkungen?
Durchaus. Es erreichen mich mittlerweile Anfragen von Vereinen, ob ich einen Wochenendlehrgang durchführen kann. Ich komme gerade von einem solchen. 13 Stunden am Demobrett, samstags. Strapaziös. Die konnten den Hals nicht voll kriegen. Ein komplettes Eröffnungsrepertoire für Weiß nach 1.e4. Ich habe davon abgeraten, zu umfangreich und an einem Wochenende eigentlich nicht zu schaffen, aber sie bestanden darauf. Ein Schweinsgalopp. Aber der Kunde ist König.

Machen Sie das per Inserat wie Großmeister?
Nein, wie gesagt, das läuft über Mundpropaganda, weil man weiß, dass ich dazu bereit bin.

Sie wissen, es gibt selbsternannte Trainer ohne Schein, die durchaus gut sein können, und ausgebildete Trainer. Vernünftiger ist wohl der zweite Weg, oder?
Schon. Obwohl: Ich wurde zu C- und B-Schein gezwungen. Ohne sie wird man nicht Verbandstrainer. Den A-Schein habe ich dann gerne und freiwillig, aus Neugierde, gemacht.

Über welches Thema, den Isolani oder so was?
Nein, nein, kein fachspezifisches Thema. War ziemlich komisch. Ich wollte eigentlich über die Igel-Struktur, die ich mag, schreiben. Bei der Vorstellung der Teilnehmer hatte ich erwähnt, dass ich mich mit Ernährung beschäftigt habe. Schon sprang Uwe Bönsch auf: 'Jawoll, das ist Ihre Hausarbeit.' So wurde es 'Ernährung für Schachspieler im Leistungssportbereich'.

Etwas anderes, Herr Kersten: Wie erkennt man Talent?
Das ist eine Frage, mit der man sich auch auf Lehrgängen herumschlägt. Es gibt die landläufige Erklärung und eine eher sportwissenschaftliche Definition. Begabung, gut und schön, aber wenn andere Faktoren – Willensbereitschaft, soziales Umfeld, Unterstützung der Eltern usw. – fehlen, wird daraus nichts.

Folgen Sie einer bestimmten Lehrmethode?
Ich hole mir Anregungen aus allen Ecken. Da war der A-Trainer-Lehrgang. Der gibt viele Impulse. Jemand hat mich von den Vorzügen des Blindtrainings überzeugt. Das habe ich in meinem Programm auf- und die guten Jugendlichen angenommen. Mit einfachen Dingen geht es los: Welche Farbe hat das Feld f5 und geht später bis zu Stellungsbeurteilungen und Variantenberechnung. Das schult das Vorstellungsvermögen. Das Aufstellen der Figuren erübrigt sich, was nur Zeit kostet, die man in die Analyse stecken kann.

Da Sie von Zeit sprechen: Wie viel verschlingt die Vorbereitung?
Das Verhältnis ist nach meiner Erfahrung 1 : 1. Das Erstellen einer Trainingseinheit erfordert so viel Zeit wie das Training selbst.

A-Trainer müssen alle 2 Jahre per Wochenendseminar ihre Lizenz verlängern lassen. Kennen Sie das Problem aus Sicht eines C-Trainers: Man ist an dem einzig angebotenen Termin des Jahres verhindert, verweist auf eine Ersatzveranstaltung, die man freiwillig 'mit Erfolg' absolviert hat oder auf emsige Redakteursarbeit, die mich heute z. B. nach Kassel zu Ihnen geführt hat. Die Herren Funktionäre, die man anschreibt und –telefoniert, geben sich zugeknöpft. 'Keine Extrawurst!'
Oh ja. Da kann ich mit einem eigenen Beispiel dienen. Ich habe darauf hingewiesen, dass ich zu dem vorgesehenen Zeitpunkt vorzeitig am Samstagabend abreisen müsste, weil ich am Sonntag einen Mannschaftswettkampf zu bestreiten hätte. Reaktion 'geht nicht'. Nach einigem Zögern 'oder Sie halten einen Vortrag. Aber dann bekommen Sie nicht das dafür vorgesehene Entgelt'. Das ist bürokratisch und kleinlich. Die Herrschaften müssten – der Personenkreis ist durchaus überschaubar – ihre Pappenheimer kennen: X erfüllt ein Übersoll, Y genügt seinen Pflichten und Z lässt die Zügel schleifen. Ich werde das bei nächster Gelegenheit zur Sprache bringen.

Welche Eigenschaft ist unerlässlich für einen Trainer?
Ich halte Geduld für überaus wichtig. Man sagt sie mir nach.

Welchen Fehler darf er sich nicht leisten?
Keinen übertriebenen Ehrgeiz produzieren. Weder den eigenen noch den der Jugendlichen noch – schlimmer – der Eltern. Überforderung ist von Übel.

Ihr eigenes Verhältnis Kersten – Grafl oder, auf höhere Ebene übertragen, Dvoreckij -Weltklassespieler wie Anand führt zu der Frage: Trauen Sie sich zu, einen stärkeren Spieler als Sie selbst zu trainieren?
Ja. Aber nicht aus der Hüfte, sondern mit gründlicher Vorbereitung.

Grafl muss nicht der letzte Fall eines Schülers gewesen sein, der Ihnen in Ihrer noch jungen Trainerkarriere über den Kopf wächst.
Das hoffe ich.

Das wünsche ich Ihnen. Herzlichen Dank, Herr Kersten.