Schacholympiade 2008 in Dresden

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Großmeister Arkadij Naiditsch

 

Portrait GM Arkadij Naiditsch

/images/uploads/53c85a9f313b5e637b84a04da76ba8b5.jpgvon Frank Hoppe

Arkadij Naiditsch erblickte am 25. Oktober 1985 in Riga das Licht der Welt. Im Alter von 5 bis 6 Jahren erlernte er das Schachspiel. Auf einer Schachschule vervollkommnete er seine Kenntnisse.

1995 gewann Arkadij in Verdun die Europameisterschaft der 10jährigen. Im darauffolgenden Jahr übersiedelte die Familie nach Dortmund. Arkadij und seine drei Schwestern Irina (*1986), Jewgenija (* 1987) und Marija (* 1988) traten geschlossen im zweiten Halbjahr den Schachfreunden Dortmund-Brackel bei. Alle Vier halten den Dortmundern seitdem die Treue, wobei Arkadij nur noch passives Mitglied ist. Seine Schwestern haben inzwischen eine ansehnliche Spielstärke erreicht. Marija hat DWZ 1875, Jewgenija 2036 und Irina gar 2252.


 

Die Naiditschs bei Deutschen Jugend-Einzelmeisterschaften

/images/uploads/f3c3ca305c5daf175bc176100dacf97c.jpgArkadij spielte nie eine Deutsche Jugend-Einzelmeisterschaft mit. Etwas aktiver waren seine Schwestern. Die Drei spielten 2001 die U18 (Irina), U16 (Jewgenija) und U14w (Marija) und Jewgenija 2002 noch einmal die U16. Irina und Jewgenija schnitten allerdings nicht so besonders ab, machten 4 bzw. 4½ aus 9. Erschwerend kam aber hinzu, das die Beiden jeweils die Offenen Meisterschaften (Jungen und Mädchen) mitspielten! Nur Marija spielte in der Mädchenmeisterschaft und wurde damals Sechste.

 

Arkadij's Erfolge

/images/uploads/2d077c21eb3afbdbe7b0dd5352cf7ca4.jpg1997 wurde Arkadij in Cannes Vizeweltmeister der 12jährigen, im gleichen Jahr erhielt er von der FIDE den Titel Internationaler Meister. Der Großmeistertitel folgt 2000, als er 15 Jahre alt war.

Sein bisher größter Erfolg war im Juli 2005 der Sieg beim Dortmunder Sparkassen-Chess-Meeting. Dabei ließ er fast die gesamte Weltspitze hinter sich, u.a. Wladimir Kramnik, Peter Leko, Peter Swidler, Wesselin Topalow und Michael Adams.

Im Kader des Deutschen Schachbundes arbeitete sich Arkadij von der Kategorie C im Jahr 1999 bis zur Kategorie A im Jahr 2006 hinauf. 2007 war er sogar der einzige A-Kaderspieler! Für die deutsche Nationalmannschaft kam er allerdings erst in Frage, als er Anfang 2005 - nach achtjährigem Anlauf - die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Bei der Schacholympiade 2006 in Turin startete Arkadij Naiditsch erstmals für Deutschland. Am 1. Brett erreichte er 6 aus 10.

2007 gewann Naiditsch in Bad Königshofen die Deutsche Einzelmeisterschaft vor dem punktgleichen Rainer Buhmann.

In der Bundesliga spielte Arkadij bis 2007 am 1. Brett für den TSV Bindlach-Aktionär, seit 2007/2008 für den OSG Baden-Baden.

Als Ausgleich zum Schach betreibt Naiditsch seit 2001 den Karatesport. Hier besitzt er den 5. Kyu.

 

/images/uploads/fa920dff464444f82883a64cfedaa6c6.jpgSchach-Olympiade Turin 2006

 

/images/uploads/32e17cce9e5030c8205331e92f12fc6e.jpgChess Classic Mainz 2006, im FiNet-Open gegen Morosewitsch

 

Interview mit GM A. Naiditsch

Arkadij, Sie leben seit 1996 in Deutschland und spielen mit einer DWZ von 2660 und einer ELO von 2641 zur Zeit für den TSV Bindlach Aktionär hier in Deutschland. Mit Ihrer Einbürgerung 2005 sind Sie schlagartig die Nummer Eins des deutschen Schachs geworden. Mussten zur Einbürgerung viele Formalien erledigt werden?

Ja, das war allerdings viel Arbeit. Es mussten viele Papiere geschrieben werden und ich bin froh, dass es Anfang des Jahres geklappt hat. Peer Steinbrück hat mir sehr dabei geholfen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Eigentlich sollte die Einbürgerung schon zur letzten Olympiade geschehen, das hat leider nicht geklappt. Danach gab es einige Schwierigkeiten, aber mit Hilfe von Dr. Langemeyer in Dortmund und Peer Steinbrück ist es schließlich doch gelungen.

In diesem Jahr wechselten Sie zum TSV Bindlach Aktionär, das hat dem Verein kräftig Auftrieb gegeben. Ist der Bundesliga-Aufstieg schon sichere Sache?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aufsteigen. Wir sind jetzt mit 4 Siegen vorne und eigentlich kann nur Erfurt uns gefährden, die aber schon Punkte lassen mussten. Natürlich ist es noch nicht in trockenen Tüchern, aber es sieht gut aus.

Rechnen Sie mit weiteren Verstärkungen im Falle eines Aufstiegs?

Das kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, denn das ist in erster Linie vom Sponsor abhängig, aber ich rechne schon damit, dass wir uns im Falle eines Aufstiegs weiter verstärken. Mit der aktuellen Mannschaft würde es schwer werden....

Wir trafen uns zum ersten Mal bei der deutschen Meisterschaft 2002 in Saarbrücken. Damals hatten Sie einen Ihrer schwärzesten Momente, als Sie in besserer Stellung gegen Florian Handke die deutsche Meisterschaft durch Zeitüberschreitung aus der Hand gaben. 2005, ungefähr drei Jahre und einige Erfolge später, haben Sie in bravouröser Manier das Turnier in Dortmund gewonnen. Was macht den Unterschied zwischen Arkadij Naiditsch 2002 und dem 2005?

In jungen Jahren macht es einen riesigen Unterschied, ob man 16 oder 20 Jahre jung ist, wenn man am Brett sitzt. Natürlich ist es in erster Linie eine Sache der Erfahrung. 2002 war es eher eine Art Unfall, weil ich ganz selten in Zeitnot komme und eher einer der schnelleren Spieler bin. Hinzu kommt, dass ich 2002 eigentlich nicht wirklich in Zeitnot war, sondern Florian. Ich weiß noch genau, ich hatte etwa fünfzehn Minuten und Handke nur noch wenige Sekunden. Und dann hab ich einfach nicht mehr gezogen, das ist mir im ganzen Leben noch nicht passiert, aber ausgerechnet da. Seitdem ist es mir jedenfalls nicht mehr passiert. Auch die Partie eine Runde zuvor gegen Gutman war entscheidend, als ich trotz Mehrbauer verlor. Das war schon ärgerlich.

Sie sind inzwischen im A-Kader des DSB aufgenommen worden. Freuen Sie sich über die Einigung mit dem deutschen Schachbund?

Ich denke, wir freuen uns beide. Es musste für beide einfach nach vorne gehen. Für mich ist ist es schlecht, wenn ich nicht spiele und für den deutschen Schachbund ist es wichtig, dass man sich in diesem Punkt einigen konnte. Ich freue mich sehr, für Deutschland zu spielen und hoffe, dass wir bei der Olympiade nun gut abschneiden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dies eine Einigung ist, von der beide Seiten profitieren.

Davon bin ich überzeugt. Immerhin hat man 'über Nacht' eine neue Nummer Eins in seinen Reihen.... Der Leistungssport soll durch den deutschen Schachbund in den nächsten Jahren bis 2008 verstärkt gefördert werden. Zu diesem Programm gehört auch psychologische Vorbereitung.

Die Vorbereitung für die Olympiade ist natürlich sehr wichtig. Es ist gut, wenn sich die Spieler untereinander austauschen, auch psychologische Vorbereitung gehört dazu. Für mich persönlich ist das wohl nicht so sinnvoll, für manche ist das aber sehr wichtig.

Welche sportlichen Ziele kommen bei der Olympiade 2006 in Turin auf die deutsche Mannschaft zu, was können wir erreichen?

Ich denke, wir haben eine sehr ausgeglichene Mannschaft. Das könnte unser großer Pluspunkt sein. Ich habe noch nicht so viele Erfahrungen in Mannschaftsturnieren sammeln können, auch bei einer Olympiade durfte ich noch nie teilnehmen, wahrscheinlich ist die Anspannung dann auch deutlich höher. Unter die ersten Zehn können wir bestimmt kommen, das ist auf jeden Fall drin. Ob es mehr werden kann, das hängt von der Form und Verfassung ab, in der wir an die Bretter gehen. Wenn wir alle gut drauf sind, auch konditionell, können wir auch unter die ersten Fünf kommen. Ein bisschen Glück gehört auch dazu.

Wie gehen Sie mit den verschiedenen Bedenkzeitregelungen um?

Gute Frage. Zur Zeit spiele ich unter vier verschiedenen Bedenkzeitregelungen. Aber wir sind Profis und müssen mit den unterschiedlichen Bedenkzeiten einfach umgehen können. Was sollen wir auch tun? Da haben wir keine Wahl. Du setzt Dich ans Brett und musst damit auskommen, was andere Dir vorgeben.

Haben Sie schachliche Vorbilder? Gibt es Stellungstypen die Sie besonders mögen?

Schachliche Vorbilder habe ich keine, nein. Natürlich taugt jeder der Weltmeister zum Vorbild auf seine eigene Weise. Aber einen ganz bestimmten herauszunehmen, der besser als alle anderen gewesen sein soll: Nein, das könnte ich nicht. Mein eigener Spielstil ist auch nicht besonders lastig zu der ein oder anderen Seite hin. Ich bin kein besonders angriffslustiger, taktisch geprägter Spieler wie Shirov, noch einer, der positionell besondere Vorlieben hat, wie Karpov. Es ist irgendwo dazwischen. Ich greif schon mal gern an, aber was nicht geht, geht eben nicht. Endspiele sind auch schön.

Wieviel muss man fürs Training tun auf diesem Niveau?

Das ist unterschiedlich, weil ich mich da nach den Turnieren richte. Auf große Turniere wie Dortmund bereite ich mich den ganzen Tag über vor, tagelang. Wenn nichts besonderes stattfindet, zum Beispiel nur Bundesligarunden sind, ist das viel weniger. Aber im Schnitt 4 - 5 Stunden sollte man auf diesem Niveau schon am Brett sitzen.

Sie sind 1985 in Riga geboren. Wie detailliert sind Ihre Erinnerungen an die Stadt? Erinnern Sie sich an die dominanten Markthallen im Stadtbild? An das Zentrum? An Freunde dort?

Ich kann mich schon an Vieles erinnern, aber für feste Freundschaften war ich noch viel zu jung. Aber es gibt zwei Teile in Riga, das neue und das alte Zentrum und das historische Zentrum war immer sehr, sehr hübsch anzusehen.

Fühlen Sie sich inzwischen hier beheimatet? Wie sehr schlägt in Ihnen das lettische Herz?

Ach, mit den Nationalitäten sehe ich das nicht so kritisch. Ich lebe hier, ich habe hier meine Freunde, ich komme mit der Sprache gut zurecht. Aber ich mache mir keine Gedanken darüber, ob ich nun Deutscher oder Lette bin. Wissen Sie, wir Schachspieler reisen soviel, wir sind irgendwie überall zuhause. In diesem Beruf bist du Weltbürger.

Das kann ich gut verstehen. Wenn Sie nicht gerade am Schachbrett sitzen, was tun Sie dann am liebsten?

Nun, ich gehe gern aus wie jeder junge Mann. Ich treibe nebenher Sport, nun seit dreieinhalb Jahren Karate, lese ganz gern mal, nichts Außergewöhnliches.

Angenommen, Sie hätten Kinder. Würden Sie denen genau Ihren schachlichen Weg empfehlen oder es ganz anders angehen?

Schach würde ich meinen Kindern nicht mal empfehlen.

Ach. Wieso das denn?

Ich meine das beruflich. In 20, 30 Jahren wird Schach wahrscheinlich sehr unpopulär sein - durch die Computerentwicklung. Jeder Hobbyspieler wird in der Lage zu sein, Fehler der Profis zu erkennen. Die Tablebases werden mit der Hardware-Entwicklung immer umfangreicher. Dadurch wird Schach uninteressanter für Zuschauer, für den Reiz des Spieles. Die Vorstellung gefällt mir nicht besonders gut. Aber das Spiel selbst wird natürlich immer weiter leben. Es fördert die persönliche Entwicklung, fördert das logische Denken. Natürlich würde ich das auch meinen Kindern zeigen. Aber ich würde ihnen nicht empfehlen, eine Profikarriere anzustreben. Als Hobby, als gemütliche Freizeitbeschäftigung wird es immer ein schönes Spiel bleiben.

Was, glauben Sie, schadet Kindern beim Training und was ist besonders förderlich?

Viel hängt vom Trainer ab. Wenn Sie einen guten Trainer haben, lernen Sie immer viel. Nehmen wir einen wie Artur Jussupow. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich in seinen Seminaren gelangweilt hätte. Die Art, wie er den Schülern den Stoff vermittelt, wie er sie fesselt und in seinen Bann zieht, dem kann sich keiner entziehen. Wenn dann noch jemand am Ende sagt, dass er dabei nichts gelernt hat - das kann einfach nicht sein.

Haben Sie einen besonderen Wunsch für die Zukunft?

Mein größtes sportliches Ziel, ist zunächst mal die 2.700-er Grenze zu überschreiten. Das ist für einen Profi ein ganz wichtiger Schritt. Und ich würde mir wünschen, dass sich mehr für das Schach interessieren und wir das Schach mehr in den Fokus rücken könnten. Es müsste möglich sein, mehr Sponsoren als bisher einzubinden. Deutschland ist immer noch ein sehr reiches Land und es ist einfach schade, dass wir im Vergleich zu anderen Sportarten schlecht unterstützt werden. Dabei lässt sich ein so großes Ereignis wie die Olympiade 2008 in Dresden doch nutzen. Es muss doch möglich sein, dass wir unseren Sport besser verkaufen und in der Öffentlichkeit darstellen können.

Wem sagen Sie das!?....

....aber auch Ihr Tag hat nur 24 Stunden.

Ja, leider. Arkadij, Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses Interview bei Ihnen und wünsche Ihnen viel Erfolg beim Schachspielen.

Gern geschehen, auch ich bedanke mich.

Die Fragen stellte: KJ.Lais